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„Wir sind nicht mehr in der Lage, andere Meinungen auszuhalten.“

Warum die Förderung von Streit eine Antwort auf erlebte Polarisierung ist

Aktuelle Gesellschaftsdiagnosen verweisen auf eine wachsende Nervosität der Bevölkerung und einen als bedroht wahrgenommenen Zusammenhalt. Umfragen zeigen, dass viele Menschen unsere Gesellschaft als zunehmend polarisiert erleben. Das Projekt STREIT/FÖRDERER knüpft an diese Diagnose an und fragt, wie Vielfalt und Zusammenhalt konfliktfähig gestaltet werden können. Die zentrale Antwort lautet: Demokratie braucht den Mut zur offenen Auseinandersetzung und Mut zum Streiten.



Als der Philosoph Jürgen Wiebicke im Sommer 2015 durch Deutschland wandert und das Gespräch mit Menschen sucht, die ihm zufällig begegnen, beschreibt er unser Land als „nervöses Land“ (Wiebicke 2016). Im Rahmen des Projekts STREIT/FÖRDERER geführte qualitative Interviews („Was denken Sie über unsere Demokratie?“) illustrieren diese Nervosität (Boeser 2025). Ein Ingenieur, Mitte 30, kritisiert die gereizte Grundstimmung: „Wir sind nicht mehr in der Lage, sachlich zu diskutieren und auch andere Meinungen auszuhalten. Wenn du etwas gegen die Flüchtlingspolitik sagst, dann bist du ein Nazi. Wenn du aber sagst, wir müssen helfen, dann bist du linksversifft und gehörst eigentlich an die Wand gestellt, dann bist du ein Vaterlandsverräter. Wir haben keinen Diskurs mehr, wir können nicht mehr miteinander reden. Es gibt nur noch schwarz oder weiß“ (Boeser 2025: 16).

In den Interviews wird deutlich, dass viele Bürger*innen die Gesellschaft als gespalten wahrnehmen, was wiederum zu einer nervös geführten Debatte über diese Spaltung führt. Dabei sind die Unterschiede weit weniger groß, als es gemeinhin angenommen wird (vgl. z. B. Mau u. a.2023). Im europäischen Vergleich ist Deutschland nicht überdurchschnittlich polarisiert, so auch die Ergebnisse der Studie „Polarisierung in Deutschland und Europa“ (Herold u. a. 2023). In den meisten europäischen Ländern zeige sich aber eine problematische Entwicklung, so die Autor*innen der Studie: „Diskurse verschärfen sich nicht nur, sie verlaufen auch zunehmend emotional aufgeladen. Nicht selten gehen sie mit Empörung, Hass und Diffamierung Andersdenkender einher und erschweren demokratische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse“ (ebd.: 2). Es geht also nicht nur um die bestehenden Einstellungsunterschiede bei politischen Themen, sondern auch um die emotionale Dimension gesellschaftlicher Kontroversen. Ein bemerkenswertes Ergebnis: „Wählerinnen und Wähler von AfD und Grünen weisen in Deutschland das höchste Maß an Polarisierung auf, tendieren also am stärksten dazu, Personen mit abweichenden Meinungen negativ zu bewerten“ (ebd.: 10).


Erlebte Grenzverletzungen

Den meisten Menschen ist bewusst, dass unterschiedliche Interessen und Werte zu einer Demokratie gehören. Und den meisten ist auch bewusst, dass es für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft offene Auseinandersetzungen über…

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Der Autor

Dr. Christian Boeser ist Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenen- und Weiterbildung an der Universität Augsburg. Seine Schwerpunkte sind Demokratische Streitkultur, Begegnungsformate und die Vernetzung Politischer Bildung.