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Sexualität und sexuelle Bildung als generationale Aushandlungsprozesse

Sexuelle Bildung ist weit mehr als Wissensvermittlung – sie eröffnet Räume für Selbstbestimmung, Aushandlung und gesellschaftliche Teilhabe und entfaltet so ihr emanzipatorisches Potenzial für Generationen, die Vielfalt, Machtkritik und Demokratie neu verhandeln. Damit ist sie für zentrale Diskurse der politischen Bildung anschlussfähig und bietet dieser thematisch wie methodisch wichtige Impulse.

Das emanzipatorische Potenzial Sexueller Bildung steht in einem Spannungsverhältnis zu gesellschaftlichen Vorstellungen und Praktiken: Die pädagogische Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendsexualität in Deutschland ist von starken Widersprüchen geprägt, die sich aus einem Schutzbedürfnis kindlicher ‚Unschuld‘ und dem Anspruch auf ­sexuelle Selbstbestimmung ergeben. Diese Auseinandersetzungen prägen nicht nur Praxis, sondern auch Vorstellungswelten von Kindheit und Sexualität. Der Diskurs ist dabei von historischen, moralischen, rechtlichen, kulturellen und politischen Zuschreibungen durchzogen (Foucault 1977). Jede Generation hat eigene normative Vorstellungen von Sexualität internalisiert, die sie reproduzieren und verhandeln (Brodersen et al., 2021: 25 f.).


Konfliktfeld Kinder- und Jugendsexualität

Kindliche Sexualität wird entweder risikoorientiert als zu schützendes Gut mit Sorge vor einer sogenannten ‚Frühsexualisierung‘ gesehen: hierbei handelt es sich um einen Kampfbegriff verschiedener rechtskonservativer Protestbewegungen (vgl. Baader 2020); oder sie wird in einer sexpositiven Haltung im Sinne einer ‚zu befreienden Natur‘ betrachtet (Tuider 2016). Historisch lassen sich diese Ambivalenzen als Transformationen in der sexuellen Gouvernementalität lesen (Foucault 1977). Die Sicht auf kindliche Sexualität unterlag einem deutlichen Wandel: Während das 18. und 19. Jahrhundert von repressiven, disziplinierenden Zugängen zur kindlichen Sexualität geprägt waren, etablierte sich im 20. Jahrhundert – auch angestoßen durch Freuds ‚Entdeckung‘ der infantilen Sexualität, der Kindern einen eigenlogisch strukturierten, sexuellen Erfahrungs- und Entwicklungsraum zugestand – sukzessiv eine emanzipatorische Wende.

Trotz emanzipatorischer Bewegungen, die vor allem der Generationenkonflikt der 1968er-Bewegung und die Frauenbewegung der 1980er und 1990er Jahre angeschoben haben, legitimiert sich Sexualpädagogik bis heute vor allem über eine sogenannte Gefahrenabwehrpädagogik. Hier geht es um Präventionsangebote gegenüber sexueller Gewalt, Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten. Wissen zu Sexualität, Generativität und sexueller Gewalt entstammt seit jeher politischen und aktivistischen Arbeitsfeldern und hat sich zu einer sexualpädagogischen Programmatik entwickelt. Doch trotz der emanzipatorischen Entwicklungen ist die Tabuisierung der kindlichen (und jugendlichen) Sexualität im gegenwärtigen Diskurs nicht überwunden. Im Gegenteil, sie erlebt unter neuem Vorzeichen eine…

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Die Autorin

Prof. Dr. Karla Verlinden ist Professorin für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Resilienz an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Zudem ist sie approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Sexuelle Bildung, Prävention sexualisierter Gewalt, Resilienzförderung (v. a. von Familien sowie Teams in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit) sowie Kinderschutz.

Die Autorin

Dr. Julia Kerstin Maria Siemoneit ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Arbeitsbereich Historische Bildungsforschung/Gender History der Universität zu Köln. Sie praktiziert als approbierte Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeutin und Traumatherapeutin in eigener Praxis in Köln. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Sexuelle Bildung, Prävention sexualisierter Gewalt, Familienforschung und pädagogische Professionalisierung.