„Product of Reeducation“
Der frühe Habermas und die Politische Bildung
Nach dem Tod von Jürgen Habermas im März 2026 ist noch einmal deutlich geworden, welche Bedeutung der Sozialphilosoph als kritischer Begleiter der Bundesrepublik von ihren frühen Jahren bis heute hatte. Dabei stellt sich die Frage, ob Habermas auch für die Politische Bildung wichtig war, eigentlich nur rhetorisch. Denn vor allem seine demokratietheoretischen Impulse sind für unsere Profession selbstredend von großer Bedeutung, aber in ihrer Komplexität und Menge hier nicht einfach und schnell zu erfassen. Dass Habermas aber in seinen frühen Jahren auch direkt in die Debatte über den notwendigen Auf- und Ausbau und den Stand von Politischer Bildung eingegriffen hat, ist kaum bekannt. Gewissermaßen als posthume Reminiszenz aus unserer Profession heraus soll hier daran erinnert werden.
Habermas als „Produkt der Reeducation“ und „Erzieher der Deutschen“
Bei der entsprechenden Recherche stieß ich auf eine ungewöhnliche Quelle. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus einem der seltenen englischsprachigen Interviews mit Jürgen Habermas, dessen Herkunft nicht mehr eindeutig zu bestimmen ist. Das Gespräch fand wahrscheinlich in den 1990er-Jahren statt, ist aber nur in einem kurzen Ausschnitt 2007 von einem Youtuber hochgeladen worden (Davidmeme 2007). Habermas bezeichnet sich dort als „product of reeducation“ und beschreibt, dass die Reeducation-Politik der Amerikaner nach 1945 „Demokratie“ zum „roten Faden“ seiner Philosophie und zu seinem Lebensthema gemacht habe.
Wie einige Habermas Biographien belegen, handelt es sich in diesem Interview nicht um eine spontane einmalige Assoziation, sondern um eine reflektierte autobiographische Selbsteinschätzung des Philosophen (vgl. etwa Wiggershaus 2004: 7 ff.). Folgerichtig hat der Medienwissenschaftler Norbert Bolz auf Habermas Bedeutung als „Erzieher der Deutschen“ hingewiesen und ebenfalls solche Zusammenhänge hergestellt: „Sein Anspruch ist ein pädagogischer: nämlich eine philosophische Reeducation Deutschlands“ (Bolz 2008: 152).
Die Berührungspunkte zwischen Habermas eigener Verortung und den Wurzeln der Politischen Bildung im Nachkriegsdeutschland sind somit frappierend. Denn auch die Politische Bildung geht in ihren Selbstbeschreibungen davon aus, ein „Produkt der Reeducation“ zu sein. Zwischen Habermas und der Politischen Bildung gibt es also eine von Anfang an angelegte Wesensverwandtschaft, die später immer wieder aufblitzte.
In der Rede von Jürgen Habermas anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2021 wird deutlich, dass „Reeducation“ neben „Demokratie“ biographisch ein prägendes Lebensthema geblieben ist.
Mit Verweis auf Theodor W. Adorno, einen seiner akademischen Lehrer, mit dem er einige Jahre im Frankfurter Institut für Sozialforschung zusammengearbeitet hat, spricht Habermas von der notwendigen „Aufarbeitung der Vergangenheit“ (Habermas 2021: 49 f.).…
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Der Autor
Benedikt Widmaier war bis 2022 Direktor der Akademie für politische Bildung „Haus am Maiberg“ in Heppenheim. Er engagiert sich als Vorsitzender des hessischen Landesverbands sowie im Bundesvorstand der Deutschen Vereinigung für politische Bildung (DVPB) und ist Mitglied der Journal-Redaktion.