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Nachdenken über eine Bildungstheorie

Marco Büttner: Dialektik der Bildung. Zwischen Aufklärung vom Fließband und Mythos der Selbstverwirklichung, Frankfurt/M. (Wochenschau Verlag) 2025, 113 S., 26,- €

In diesem Band wird Bildung als Kategorie und klassischer Begriff theoretisch aufgenommen und vor allem in seiner dialektischen Struktur mit Bezug auf das Denken in der Tradition der Frankfurter Schule diskutiert. Die Arbeit wurde als Masterarbeit eingereicht und zeigt zwei historische Linien mit ihren jeweiligen Implikationen. Das Interesse ist, den Begriff der Bildung und die „Widersprüchlichkeit seiner gesellschaftlichen Realität ideologiekritisch zu untersuchen“ (9).

In der Einleitung werden zunächst die Wurzeln des Bildungsbegriffs bzw. des klassischen Ideals beleuchtet. Diese liegen in der neu-humanistischen Begründung aus der Epoche der Aufklärung sowie in der Denktradition von Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt. Diese haben im 18. und 19. Jahrhundert ein Bildungsverständnis entwickelt, das einen dynamischen Prozess beschreibt, der mit Merkmalen wie Aufklärung, Mündigkeit, Autonomie, Selbstbildung und -verwirklichung sowie Emanzipation und einem aktiven und wechselseitigen Verhältnis des Menschen zu sich selbst und der Welt verbunden ist.

In den beiden folgenden Kapiteln wird die innere Widersprüchlichkeit dieses idealistischen und bildungsbürgerlichen Ansatzes sowie der Aufklärung in ihrer Dialektik reflektiert. Diese bezieht sich auf die Kulturindustrie und die Massenkultur sowie auf die spätkapitalistische Verwertungslogik, durch die Bildung zum Warencharakter und Mythos geworden ist. Danach werden „Kulturgüter zum Vermittlungsmedium zwischen Industrie und Mensch“ (23); ausgeschlossen sind „Opposition und kritisches Denken“ (34). Die Denktradition von Max Horkheimers und Theodor W. Adornos „Negativer Dialektik“ und Herbert Marcuses „eindimensionale[m] Mensch[en]“ wird dann vor allem von Heinz-Joachim Heydorn und Gernot Koneffke systematisch weitergeführt. Sie bleiben der Dialektik der Aufklärung und von Bildung, das heißt deren innerer Widersprüchlichkeit, verpflichtet. Es ist die Begründung einer kritischen Bildungstheorie mit Bezug auf die jeweiligen „historisch-gesellschaftlichen Kontexte“ (41). Dabei richtet sich der Blick vor allem auf „Bildung zur Halbbildung“ – so eine Schrift von Adorno – und das Verhältnis bzw. den Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Demgegenüber wird der Auftrag von Bildung als Kritik und „Widerstand “ (42) und als „emanzipative Befreiung des Menschen“ (53) reklamiert und begründet.

Im letzten Kapitel (57–90) wird der Zusammenhang von Bildung, Wissensgesellschaft sowie kultur- und bildungsindustriellen Komplexen thematisiert. Angeboten werden mit Bezug auf zahlreiche Autoren*innen einige Begriffe und Tendenzen, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben. Bildung wurde ein „Containerwort“ und führte zu einer „inhaltlichen Verflachung“, anschließend wurde Bildung zur politisch-gesellschaftlichen „Allzweckwaffe“. Sie ist verbunden mit Entwicklungen wie „Entpolitisierung“, „Privatisierung“ und „Ökonomisierung“ oder als „Mittel zum Zweck“ und zur „Sicherung der Humanressourcen“. In der sognannten Wissensgesellschaft ist Wissen „eine Form des Kapitals“ (68) und ein „wichtiger Produktionsfaktor“ (70), verbunden mit dem Konzept des Lebenslangen Lernens und technokratischen Bildungsreformen. Weiter wird auf Begriffe und Prozesse wie Schlüsselqualifikationen, Standardisierung, Selbstoptimierung, Employability und Kompetenzorientierung in der bildungspolitischen Diskussion hingewiesen. Infolge dieser marktförmigen Verwertungsinteressen und begrifflichen Entwicklungen im Bildungsbereich lässt sich kein eindeutiger normativer Begriff von Bildung mehr ausmachen. Für den Autor bleiben „Bildungsideale wie Mündigkeit und Emanzipation dabei zwangsläufig auf der Strecke“ (84). Abschließend wird erneut auf das dialektische Spannungsfeld von Bildung hingewiesen, dessen „gesellschaftliche und geschichtliche Konstitution“ Ausgangspunkte gesellschafts- und bildungstheoretischer Reflexion sind. In der Weiterentwicklung dieser Denktradition müssten dem Autor zufolge neuere Entwicklungen und Phänomene wie Digitalisierung sowie neue Akteure der Bildungsindustrie hinzugenommen werden.

Es handelt sich um eine Publikation, in der die historisch-materialistische Denktradition und die Schriften der Frankfurter Schule mit der zentralen Figur der „Dialektik“ für den Bildungsbegriff aufgegriffen und erörtert werden. Für historisch und theoretisch interessierte Leser*innen ist es eine gelungene Einführung, die einen dicht formulierten Einblick in dieses bildungstheoretische Reflexionsangebot gibt. Die Schwäche der Publikation ist, dass all diese Begriffe und Prozesse, die an sich ebenfalls ambivalent und dialektisch sind, kaum reflektiert oder diskutiert werden. Was dieses Angebot aktuell für die Bildungstheorie und die Entwicklungen der Bildungslandschaft bedeutet bzw. bedeuten kann, bleibt offen und wäre zu diskutieren.

Der Rezensent

Benno Hafeneger, Dr. phil., Prof. (em.) für „Außerschulische ­Jugendbildung“ am Institut für ­Erziehungswissenschaft der ­Philipps-Universität Marburg.