In Beziehung gehen: Ansätze einer aufsuchenden politischen Erwachsenenbildung
Im letzten Jahrzehnt haben sich Ansätze einer „aufsuchenden
politischen Erwachsenenbildung“ entwickelt, die dort wieder Nähe herstellen will, wo inzwischen Entfremdung und Auflösung von Bindung von traditionellen Institutionen vorherrschen.
Seit den 1990er-Jahren ist die Wahlbeteiligung im Gesamttrend rückläufig, wobei dieser Trend sozial ungleich verteilt ist. Anfang der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts waren die Unterschiede in der Wahlbeteiligung zwischen den Wahlkreisen noch gering. Heute ist die Wahlbeteiligung dagegen bei den 10 % der Wahlkreise mit der geringsten Beteiligung nur noch halb so hoch wie bei den 10 % der Wahlkreise mit der höchsten Wahlbeteiligung. Es ist inzwischen gut erforscht, dass es vor allem soziale Gründe sind, die zur Erosion der Wahlbeteiligung führen (Bertelsmann Stiftung 2015). In Großstädten lässt sich fast schon mit einem Blick auf das Wohngebiet – vom Villenviertel und gehobener Altstadtlage, über migrantisch geprägte Innenstadt bis zum Hochhausviertel – die Höhe der Wahlbeteiligung vorhersagen.
„Auflösung von Bindung“
Die Hoffnung, dass vielfältige Formen der Bürgerbeteiligung die Distanz zur Politik überbrücken könnten, hat sich als Illusion erwiesen (Schäfer/Schön 2013). Die meisten der Beteiligungsverfahren setzen die Fähigkeit voraus, in bildungsbürgerlicher Sprache vor einer größeren Gruppe auf Grundlage eines breiten politischen Wissenskanons seine Interessen artikulieren zu können. Weder verwenden Menschen, die im Handwerk, in der Produktion oder in den einfachen Dienstleistungsbereichen arbeiten diese Form der „Bildungssprache“ – sie wäre in ihrem Arbeitsalltag schlicht dysfunktional – noch sind sie es gewohnt, vor großen Gruppen zu sprechen (Bremer/Pape 2017). Schon gar nicht können sie auf einen breiten Bildungskanon zurückgreifen, erst recht nicht bezogen auf Politik – letzteres vor allem auch aufgrund der Randständigkeit der politischen Bildung im Bildungssystem außerhalb der gymnasialen Oberstufe.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass rund ein Viertel der Einwohnerschaft großer Städte keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und somit vom Wahlrecht ausgeschlossen ist. In Berlin war dies Ende 2024 gut ein Viertel der Bevölkerung (Amt für Statistik 2025). Dies kann zu einem Gefühl führen, politisch nicht teilhaben zu dürfen, die auch andere Beteiligungsformen betreffen, obwohl diese nicht an die Staatsbürgerschaft gekoppelt sind. Menschen mit Migrationsgeschichte sind generell deutlich seltener politisch aktiv als jene ohne, bei ihnen kumulieren häufig die verschiedenen Gründe des Ausschlusses (SVR-Forschungsbereich 2020; Storz/Mayr 2025).
Parallel dazu verlieren Großorganisationen wie Parteien, Gewerkschaften und Kirchen seit Jahrzehnten Mitglieder. Die Erosion sozialer Bindungen schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und erschwert es, soziale Netzwerke zu erhalten, die für eine funktionierende…
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Der Autor
Thomas Gill ist Leiter der Berliner Landeszentrale für politische Bildung.
Die Autorin
Annette Wallentin ist Referentin für aufsuchende politische Bildung der Berliner Landeszentrale für politische Bildung.