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Erosion statt Angriff: Politische Bildung steht im Zeichen der Demokratiedämmerung

Wenn Demokratie angegriffen wird, dann muss politische Bildung zu ihrer ­Verteidigung beitragen. Aber was sollte sie tun, wenn ­Demokratie durch einen strukturellen Gesellschaftswandel herausgefordert wird, der ihre Grundlagen schleichend aufzehrt und keinem Angreifer eindeutig zugerechnet werden kann?

Gegenwärtig erleben wir eine Verunsicherung hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit der Demokratie, die sich auch innerhalb der Politischen Bildung beobachten lässt. Dort hat sie zwei Dimensionen. Zum einen herrscht Unsicherheit über Ausmaß und Ursachen der Gefährdung der Demokratie. Wie konnte es dazu kommen, dass die Demokratie, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs global ausgebreitet hatte (Lauth/Bein 2025: 94), nun derart unter Druck zu stehen scheint (Nord u. a. 2025; Manow 2024)? Zum anderen ist unklar, welche praktischen Reaktionen von der Politischen Bildung gefordert sind. Sind die alten Konzepte noch tauglich oder muss neu angesetzt werden?

In der auf diese Fragen antwortenden Debatte werden zahlreiche Erklärungsansätze und Handlungsempfehlungen vorgebracht. Dennoch scheint eine bestimmte These zu dominieren. Dieser These zufolge, die man als die Angriffsthese bezeichnen kann, wird die Demokratie primär aufgrund des Angriffs durch demokratiefeindliche Akteure herausgefordert.

Demokratien könnten sterben, so die These, weil Demokratiefeinde die formalen, wie informalen Regeln des demokratischen Spiels außer Kraft setzen wollen (Levitsky/Ziblatt 2018). Dieser „Angriff der Antidemokraten“ (Salzborn 2017) stellt die politische Bildung vor die Aufgabe, die Feinde der Demokratie zu benennen und im Sinne der Idee der wehrhaften Demokratie präventiv einzugreifen sowie normativ begründet ein Widerlager gegen sie zu bilden. Politische Bildung soll den Angriff auf die Demokratie abwehren. Die Angriffsthese hat normative Argumente und empirische Evidenzen auf ihrer Seite. Allerdings läuft sie infolge ihres Fokus auf Akteure Gefahr, strukturelle Faktoren aus dem Blick zu verlieren. Und aufgrund ihrer Engführung auf die ‚Schuldigen‘ kann sie für eine präventionspolitische Ins­trumentalisierung missbraucht werden, der es nicht allein um den Demokratieschutz geht, sondern ebenfalls darum, unter dem Deckmantel der wehrhaften Demokratie unliebsame politische Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen und die politische Bildung zu diesem Zweck umzufunktionieren (Bürgin 2021).

Als Kontrastpunkt möchte ich im Folgenden eine andere Deutungsmöglichkeit präsentieren, die ich der Kürze halber als Demokratiedämmerungs-These bezeichne. Sie setzt einen anderen Akzent als die Angriffsthese, ist mit dieser aber vereinbar. Aufgrund der gebotenen Kürze kann ich sie im Folgenden nur skizzenhaft darstellen (zur eingehenderen Begründung Selk 2023).


Die These der Demokratiedämmerung

Demokratiedämmerung ist eine Metapher, die auf eine Schwächung der Demokratie infolge eines historischen…

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Der Autor

Dr. PD Veith Selk ist Forscher im Verbund „DemoReg – Herausforderungen der Demokratie in Zeiten ihrer Regression“. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Demokratietheorie, Politische Theorie und Ideengeschichte.