Eine andere, originäre Geschichte der politischen Bildung
Felix Prehm: Subjektgeschichte Politischer Bildung 1955–1980. Konstruktion und Transformation des Eigenen und Anderen. Frankfurt/M. (Wochenschau Verlag) 2024, 395 S., 46,90 €
Zur Geschichte politischer Bildung liegen einige umfassende und aspektreiche Studien vor. Verständlich, wenn man die beachtliche Studie von Felix Brehm etwas zögerlich in die Hand nimmt und fragt, welche neuen Aspekte der Autor diesem Thema in seiner Dissertation abgewinnen will.
Ihn interessiert, wie in den zahlreichen Konzepten, verschiedenen Theorien sowie in unzähligen Lehrbüchern, Unterrichtsmaterialien, aber auch in den Lehrplänen diejenigen entworfen werden, die Adressaten politischer Bildung sind. Weiter untersucht er, welche Anti-Modelle gegenüber den Subjektkonzepten, die im Kontext des jeweils herrschenden Zeitgeistes präferiert werden, gezeichnet und welche Haltungen, Bedarfe und Interessen diesen zugeschrieben werden.
Im Zentrum der Studie stehen die Diskurse um schulische politische Bildung im Zeitraum zwischen 1955 und 1980. Die von Prehm identifizierten Modell-Subjekte werden vorwiegend an Aussagen über Jugendliche veranschaulicht. Schulische politische Bildung adressiert nun einmal vorrangig Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
Die Studie ist inklusive Schlussbetrachtung in fünf Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel gibt einen knappen Überblick über Versuche der Strukturierung der Geschichte politischer Bildung (z. B. Gagel 2005 oder Mickel 1967). Weiter enthält es eine Skizze zu den drei Dimensionen des Subjektbegriffs, die für die Studie relevant sind: Subjekte als Forschungsgegenstand, Subjektkonzepte als Zieldimensionen und den Subjektbezug als Kriterium des Politikunterrichts.
Im zweiten Kapitel wird die subjekttheoretische Debatte skizziert. Prehm unterstreicht, dass Subjektordnungen und Subjekte historischem Wandel unterliegen und erläutert, dass er mit dem Konzept einer wissenssoziologischen Diskursanalyse arbeitet. Die Eingrenzung des Untersuchungszeitraums begründet er einerseits mit dem Erscheinen des „Gutachtens zur Politischen Bildung und Erziehung“ des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen im Jahr 1955, andererseits im Anschluss an Wolfgang Sanders kühne These, dass nach 1980 „keine grundlegend neuen politikdidaktischen Konzeptionen mehr vorgelegt worden“ (64) seien. Zumindest aus der Perspektive kritischer politischer Bildung oder einer politischen Nachhaltigkeitsbildung ist diese Argumentation diskussionswürdig.
Das Material der Diskursanalyse umfasst Konzeptionen, Lehrbücher, Unterrichtsmaterialen, insbesondere von Hilligen, Fischer, Hornung, Giesecke, Schmiederer und Sutor. Für seine Studie analysiert Prehm einen Korpus von
ca. 150 Publikationen. Die Erkenntnisse der Analyse werden im zentralen dritten Kapitel des Bandes (82–343) ausführlich präsentiert. Im vierten Kapitel zeichnet der Autor eine Kartographie der Subjektgeschichte…
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Der Rezensent
Klaus Waldmann ist Diplom Pädagoge und als freiberuflicher Coach tätig. Er war viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen in der politischen Jugendbildung aktiv.