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„Die Werte der politischen Bildung erscheinen mir unhaltbar“

Der Sozialwissenschaftler Ingolfur Blühdorn im Gespräch

Liberale Demokratie, ökologische Vernunft und das Ideal des mündigen Subjekts galten lange als tragende Säulen einer besseren Zukunft. Doch was, wenn genau dieses emanzipatorische Versprechen an seine Grenzen gekommen ist? Der Sozialwissenschaftler Ingolfur Blühdorn spricht im Interview über das Ende vertrauter Gewissheiten, die Erschöpfung progressiver Projekte und die Zumutungen einer „anderen Moderne“, in der Hoffnung und Unhaltbarkeit unauflöslich ineinandergreifen.

Ausgehend von der Herbsttagung der DVPB, auf der Benedikt Widmaier zentrale Thesen aus Ingolfur Blühdorns aktuellem Buch "Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne" (Frankfurt 2024) vorgestellt hat, entwickelte sich eine intensive Debatte. Diese bildete den Anlass für ein vertiefendes Gespräch mit Ingolfur Blühdorn, das Benedikt Widmaier und Alexander Wohnig geführt haben.

Journal: Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Unhaltbarkeit“. Ihre Analyse besagt im Kern, dass das von Ihnen so genannte „ökologisch-emanzipatorische Projekt“ (ÖEP) in der Spätmoderne nicht mehr haltbar sei. Was hat denn dieses nun überholte Projekt ausgezeichnet?

Blühdorn: Die zentrale Diagnose ist, dass in heutigen westlichen Gesellschaften (1) die bisherige Ordnung aber (2) auch das „Reparaturprojekt“, für das progressive soziale Bewegungen seit den 1970er Jahren streiten, nicht mehr haltbar sind.

Wenn ich von der bisherigen Ordnung spreche, meine ich die Institutionen, Werte, Ideale und Selbstverständnisse, die für westliche Gesellschaften bisher kennzeichnend waren; also etwa das wachstumsbasierte Wirtschaftssystem, die liberale Demokratie, die Rechtstaatlichkeit, die soziale Gerechtigkeit und Inklusion, die Idee der offenen Gesellschaft, die weltgesellschaftliche Orientierung etc.

Mit „Reparaturprojekt“ meine ich die Vorstellungen einer verantwortlicheren, demokratischeren, pluralistischeren und vor allem auch ökologischeren Gesellschaft, die sich nach den Jahrzehnten des sogenannten Wirtschaftswunders und vor dem Hintergrund der damals noch neuen Erfahrung ökologischer und sozialer Krisen herausgebildet hatten. Vor allem die sogenannten „neuen sozialen Bewegungen“ und ihre Organisationen – von lokalen Bürgerinitiativen über nationale Verbände und Grüne Parteien bis hin zu Greenpeace oder Amnesty International – waren das politische Subjekt dieses Projekts. Es sollte, wie man heute sagen würde, ein gutes Leben für alle in ökologischen Grenzen ermöglichen.

Genau diese Vorstellung einer besseren Gesellschaft und Welt bezeichne ich als das „öko-emanzipatorische Projekt“. Zu diesem Projekt gehört auch das große Vertrauen in die politische Mündigkeit der Bürger*innen und in ihre Fähigkeit, ihr eigenes Leben, ihre Gemeinschaft sowie auch die Gesamtgesellschaft in verantwortungsvoller Weise selbst zu bestimmen. Ebenso zentral waren der feste Glaube…

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Der Interviewte

Prof. Dr. Ingolfur Blühdorn ist Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie Leiter des dortigen Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Soziologie, Gesellschaftstheorie, der Wandel moderner Demokratien und umweltpolitische Theorie. Das politische Erbe der „neuen sozialen Bewegungen“ seit den 1970ern spielt in seiner Arbeit eine besondere Rolle.