Das Kind als Subjekt denken
Generationskritische Perspektiven auf die Entstehung und Entwicklung der Kinderrechte – im Gespräch mit Manfred Liebel über Kinderrechte, Selbstorganisation und pädagogische
Verantwortung in politischen Bildungsprozessen
Manfred Liebel gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen im nationalen und internationalen Kinderrechtsdiskurs. In seinen Arbeiten betont er, dass Kinder nicht nur als Schutzobjekte, sondern als handelnde Subjekte zu begreifen sind, die ihre Rechte selbst einfordern und gestalten können. Im Gespräch mit dem Journal für politische Bildung blickt er auf seine Erfahrungen zurück, ordnet aktuelle Entwicklungen ein und formuliert Impulse für die politische Bildung.
JOURNAL: Herr Liebel, Sie sind seit Jahrzehnten ein wichtiger Impulsgeber in der Kinderrechtsdebatte. Wie sind Sie überhaupt zu diesem Schwerpunkt gekommen?
Liebel: Das Thema Kindheit und Jugend begleitet mich seit meinen eigenen Jugendjahren. Schon in meinem Soziologiestudium in den 1960er-Jahren war es ein Schwerpunkt, verbunden mit Bildungsarbeit in Gewerkschaften. Als ich nach dem Studium in Berlin am Pädagogischen Zentrum zu arbeiten begann, hatte ich Kinderrechte noch nicht so ausdrücklich im Sinn. Ich kannte die Kinderrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1959 und hatte auch von Janusz Korczak gehört, aber ich sah darin lange keine besondere politische Relevanz.
Geprägt von der Marx-Lektüre war ich gegenüber rechtlichen Diskussionen skeptisch – ob Rechte überhaupt gesellschaftliche Veränderungen bewirken können. Kinderrechte nahm ich zunächst nur im Zusammenhang mit Kinderschutz wahr. Und genau diesem stand ich, so wie er damals praktiziert wurde, skeptisch gegenüber. Erst allmählich hat sich mein Verständnis verändert.
Diese Veränderung hat auch mit meinen Erfahrungen in Lateinamerika zu tun. Seit Ende der 1980er Jahre habe ich sechs, sieben Jahre in Nicaragua mit Kindern in ländlichen Gebieten und städtischen Armenvierteln gearbeitet. Dort kam – unmittelbar nach der Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention – die Frage auf, ob Kinderrechte auch als eine Art Instrument verstanden werden können, um die eigene Situation zu verbessern oder aus dem untergeordneten Status als Kind herauszukommen. Das führte bei mir auch zu einer Verlagerung meines Blicks hin zu jüngeren Altersgruppen. In Deutschland hatte ich bis dahin in der Offenen Jugendarbeit und in der Jugendforschung vor allem mit älteren Jugendlichen zu tun. In Lateinamerika begegnete ich Kindern, die mit acht oder zehn Jahren schon als politische Subjekte auftraten. Das war neu und hat mich geprägt.
JOURNAL: Was war für Sie der entscheidende Unterschied?
Liebel:
In Deutschland war damals der Blick stark auf Jugendliche gerichtet – sie galten als die eigentlichen politischen Akteure. Kinder spielten in den Debatten kaum eine Rolle. In den Ländern des globalen Südens habe ich etwas anderes erlebt: Dort sind junge Menschen viel früher in gesellschaftliche und politische Prozesse involviert, oft weil ihre Lebensbedingungen das notwendig machten. Auch wenn sie häufig geringere formale Bildung hatten, waren sie gezwungen, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen. Besonders beeindruckt haben mich die Bewegungen arbeitender Kinder, die in den 1980er-Jahren zunächst in Peru entstanden und die ich später auch in Nicaragua kennenlernte. Zunächst habe ich dort als Pädagoge und Streetworker mitgewirkt, später auch als Berater dieser Kinderorganisationen. Diese Erfahrungen haben mich dazu gebracht, noch einmal kritisch über Pädagogik nachzudenken.
Schon in den 1970er Jahren hatte ich mich mit Kritischer Pädagogik und auch mit der Antipädagogik auseinandergesetzt.
Aber vieles blieb noch unklar, wir sprachen weiterhin von „Erziehung“, als wäre sie an sich etwas Positives. So habe ich zum Beispiel eine Zeitschrift mit herausgegeben, die wir „Erziehung und Klassenkampf“ nannten. In der Praxis – etwa bei der Besetzung des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg, aus der das Georg-von-Rauch-Haus hervorging – sagten uns die Jugendlichen sehr deutlich: „Wir wollen keine Sozialarbeiter, wir wollen solidarische Mitarbeiter.“ Das war für mich eine Herausforderung, aber auch ein wichtiger Lernprozess.
Umso erstaunlicher fand ich, dass mir diese Haltung in Lateinamerika fast wortgleich wieder begegnete. Auch dort sagten die Kinder „No queremos educadores, queremos colaboradores“, also: „Wir wollen keine Erzieher, wir wollen Mitarbeiter.“ Diese Parallele hat mich verblüfft – und bestärkt. Wir fassten das damals in dem Satz „Selbstorganisation ist die Lösung“ zusammen. Dabei verstanden wir Selbstorganisation nicht in einem administrativen Sinn, sondern als Kampfbegriff: als Versuch, sich selbst zu stärken, sich zu empowern, um eine bessere Position im Kampf um gesellschaftliche Veränderungen zu haben.
Die Kinder, mit denen ich in Nicaragua arbeitete, waren meist zwischen acht und sechzehn Jahre alt. Sie sahen sich selbst nicht primär als „Kinder“ im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention, sondern als handelnde Akteure. Die Konvention von 1989 war für sie ein Bezugspunkt, den sie nutzen konnten – aber zugleich übten sie Kritik daran. Sie sagten: Wir nehmen das, was uns nützt, aber wir übernehmen nicht alles. Denn so wie die Konvention damals in Europa von NGOs oder Regierungen interpretiert wurde, stand doch wieder die Perspektive der Erwachsenen im Mittelpunkt: Erwachsene definieren die Rechte, Erwachsene bereiten Partizipation vor und kontrollieren sie. In Lateinamerika war die Diskussion eine andere.
Dort wurde viel stärker betont, dass Kinder ihre Rechte selbst beanspruchen können – und dass es nicht nur um individuelle, sondern auch um kollektive Rechte geht. So entstand allmählich die Vorstellung, Kinder ähnlich wie Frauen oder indigene Gruppen auch als gesellschaftliches Kollektiv mit eigenen Rechten zu begreifen. Dieser Gedanke hat mein eigenes Denken stark beeinflusst und später auch meine wissenschaftliche Arbeit geprägt.
JOURNAL: Welche Entwicklung haben Sie in Deutschland seitdem wahrgenommen?
Liebel:
In Deutschland hat sich das Verständnis von Kinderrechten in den letzten Jahrzehnten deutlich verschoben – hin zu einem eher emanzipatorischen Verständnis: Kinder werden stärker als handelnde Subjekte wahrgenommen, die ihre Rechte selbst einfordern und zu deren Umsetzung beitragen. Aber das ist keineswegs durchgängig. Als bspw. der Deutsche Kinderschutzbund Kinderrechte aufgriff, verstand er sie zunächst ausschließlich als Beitrag zum Schutz der Kinder, der in den Händen der Erwachsenen liegen sollte. Dieses Verständnis von Kinderschutz hat sich später teilweise verändert, aber die Debatten sind bis heute von Konflikten geprägt, wie Kinderrechte zu verstehen seien. Der Schutz von Kindern ist wichtig, insbesondere in jungen Jahren, darf jedoch nicht zu ihrer Entmündigung führen. Im Kern geht es weniger um den Schutz der Kinder selbst als um die Wahrung ihrer Rechte.
Auch in dem Kinderrechte-Netzwerk National Coalition, in dem über 100 bundesweit tätige NGOs vertreten sind, gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Zwar bemühen sich viele, Kinder stärker einzubeziehen, aber es kommt auch zu Reibungen: manche Jugendverbände haben bspw. wiederholt kritisiert, dass Erwachsene Projekte initiieren, in denen Kinder aktiv beteiligt sind, obwohl eigentlich sie selbst die genuinen Repräsentanten der Kinder seien. Oder es wird immer noch in einem passivierenden Sinn davon gesprochen, Kinder „zu beteiligen“, als seien sie eine Verfügungsmasse der Erwachsenen. Solche Konflikte machen deutlich, dass es nicht selbstverständlich ist, Kindern echte Handlungsräume zu eröffnen.
Dahinter steht auch eine längere Geschichte, die noch zu wenig beachtet wird. Kinderrechte haben nicht erst mit der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 begonnen. Der polnisch-jüdische Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak verstand bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts unter Kinderrechten etwas völlig anderes als die Kinderrechtsdeklaration des Völkerbunds von 1924, in der aus seiner Sicht nur gnädiges „Wohlwollen“ zum Ausdruck kam. Ebenso wie Korczaks Vorstellung von Kinderrechten als Rechten der Kinder ist die „Moskauer Kinderrechtsdeklaration“, die 1918 während der Russischen Revolution entstand, ein leuchtendes Beispiel für ein emanzipatorisches Verständnis der Kinderrechte.
Vor allem in anarchistischen pädagogischen Kontexten war entscheidend, dass Rechte nicht vom Staat ausgehen, sondern von den Kindern und ihren Gemeinschaften selbst beansprucht werden. Die UN-Kinderrechtskonvention dagegen ist stark staatszentriert: Staaten gelten als die Garanten der Rechte. Das hat in einer Welt der Nationalstaaten seinen Sinn, bleibt aber ein begrenztes und problematisches Verständnis. Rechte sind nicht nur das, was Staaten gewähren, sondern auch das, was Menschen selbst für sich beanspruchen – und wie sie dadurch Einfluss in der Gesellschaft gewinnen.
JOURNAL: Ein zentrales Thema im politischen Diskurs ist die Forderung, Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. Wie sehen Sie das?
Liebel: Ich finde es wichtig, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. Obwohl die UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland den Rang eines einfachen Bundesgesetzes hat, spielt sie bisher in der Rechtsprechung praktisch keine Rolle. Wenn Gerichte über Fälle entscheiden, in denen Kinder direkt oder indirekt betroffen sind, beziehen sie sich fast nie darauf. Eine ausdrückliche Nennung im Grundgesetz würde Richterinnen und Richter, aber auch Behörden stärker dazu veranlassen, Kinderrechte ernster zu nehmen. Schon jetzt gibt es in verschiedenen Gesetzen, etwa im reformierten Kinder- und Jugendhilfegesetz, Bezüge zu Kinderrechten – aber oft in sehr verklausulierter Form. Eine klare Verankerung hätte deshalb eine Signalwirkung.
Gleichzeitig ist die Forderung für meine eigene Arbeit nicht der zentrale Punkt. Ich halte den juristischen Weg nicht für unwichtig, aber für nachgeordnet. Entscheidend ist für mich, wie Kinderrechte ganz konkret dazu beitragen können, Kinder zu stärken, ihnen Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen und ihre Position in der Gesellschaft zu verbessern. Das lässt sich nicht allein durch eine Verfassungsänderung erreichen.
Trotzdem unterstütze ich natürlich die Forderung. Gerade weil die aktuelle Bundesregierung Kinderrechten keinerlei Bedeutung beimisst, ist es wichtig, hier ein Gegengewicht zu schaffen. Im Koalitionsvertrag tauchen Kinderrechte schlicht nicht auf – das ist im Grunde eine völlige Null. Das bedeutet, dass wir wieder fast von vorne anfangen und dicke Bretter bohren müssen. Und es ist ein Rückschritt: In den letzten zwanzig, dreißig Jahren gab es durchaus eine Entwicklung hin zu mehr Anerkennung junger Menschen als Rechtssubjekte. Heute erleben wir das Gegenteil.
Kinder spielen beim staatlichen Führungspersonal als Träger von Rechten praktisch keine Rolle mehr. Dass man da wieder bei null anfängt, macht die Verankerung im Grundgesetz umso dringlicher.
JOURNAL: In Ihren Arbeiten betonen Sie, dass Kinder auch als gesellschaftliche Gruppe wahrgenommen werden sollten.
Liebel:
Ja, ich finde den Gedanken interessant, Kinder als Minderheitengruppe zu sehen. Kinder sind eine Minderheit – und durch die Alterung der Gesellschaft werden sie immer mehr zur Minderheit. Schon in den 1970er-Jahren gab es in den USA das „Children’s Liberation Movement“, das Kinder als letzte zu emanzipierende Minderheit verstand. Man kann das problematisch finden, wenn man es zu eindimensional betrachtet. Aber es ist ein wichtiger Gedanke: Kinder nicht nur als einzelne Schutzbedürftige, sondern als gesellschaftliche Gruppe wahrzunehmen, die gemeinsame Interessen hat.
JOURNAL: Was bedeutet das für politische Bildung?
Liebel:
Es wäre zu kurz gegriffen, politische Bildung nur darauf zu reduzieren, die Kinderrechtskonvention bekanntzumachen und stärker zu beachten. Wichtig ist, dass Kinder erfahren: „Du bist jemand, der etwas wert ist, egal wie alt du bist. Du kannst dein Umfeld beeinflussen.“ Rechte sind nicht nur das, was Staaten festlegen. Rechte sind auch das, was Menschen sich selbst ausdenken und für sich beanspruchen. Wenn mehrere Menschen zusammenkommen und sagen: Das ist unser Recht, dann ist es legitim. Die Geschichte der Menschenrechte zeigt genau das: Sie sind Ergebnis von Kämpfen und Forderungen, nicht von staatlicher Gnade. Auch Kinder können eigene Rechte hervorbringen. Politische Bildung sollte Kinder darin unterstützen, diese Erfahrung zu machen: dass ihre Würde geachtet wird und, dass sie selbst wirksam sein können.
JOURNAL: Zugleich erleben wir autoritäre Tendenzen und das
Erstarken rechter Bewegungen. Welche Gefahren sehen Sie?
Liebel:
Man muss sehr ernst nehmen, dass heute sehr junge Menschen in militanten rechten Gruppen aktiv werden, sich rassistisch äußern und sich selbst als Rebellen wahrnehmen. Gerade deshalb ist es entscheidend, dass junge Menschen sich nicht ausgeschlossen und ohnmächtig fühlen, sondern ihnen Räume zu eröffnen, in denen sie das Gefühl bekommen, etwas Sinnvolles zu bewegen. Politische Bildung sollte weniger darin bestehen, abstrakt Rechte zu lehren, sondern Erfahrungsräume schaffen, in denen junge Menschen spüren: Meine Würde wird geachtet, ich werde ernst genommen, und ich kann mit anderen gemeinsam etwas entwickeln.
Das habe ich in Lateinamerika oder auch in den Berliner Jugendzentrums- und Hausbesetzerbewegungen der 1970er und 1980er Jahre erlebt: Dort ging es um die Vorstellung einer menschenfreundlicheren Gesellschaft, nicht um Hass. Ähnliches brauchen junge Menschen heute – Orte, an denen sie zusammen nachdenken, Ziele formulieren und im eigenen Umfeld wirksam werden können.
Rechte Gruppen haben vor allem deshalb Zulauf, weil sie auf das Gefühl aufbauen können, ausgeschlossen und nicht ernst genommen zu werden. Gerade in Ostdeutschland oder in ländlichen Regionen entstehen so sogenannte „befreite Zonen“. Dem kann man nur begegnen, indem man mehr Initiativen fördert, die Jugendlichen echte Teilhabe ermöglichen. Das ist für mich eine zentrale Aufgabe politischer Bildung: nicht Belehrung, sondern das Schaffen von Situationen, in denen junge Menschen anders lernen – indem sie sich als wirksam erfahren.
JOURNAL: Zum Abschluss: Was ist aus Ihrer Sicht eine zentrale Botschaft, wenn Sie an Kinderrechte im Kontext politischer Bildung denken?
Liebel:
Das Wichtigste ist, soziale Räume zu schaffen, in denen Kinder und Jugendliche sich selbst organisieren, gemeinsam nachdenken und handeln können. Selbstorganisation war schon in den 1970er Jahren unser Leitbegriff – nicht im administrativen Sinn, sondern als Versuch, sich selbst zu stärken und gesellschaftlich wirksam zu werden. Genau das ist heute wieder nötig: Kinder als Subjekte ernst nehmen und ihnen Möglichkeiten geben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und Einfluss zu gewinnen.
Das Interview führte Jennifer Hübner.
Der Interviewte
Manfred Liebel, Dr. phil., ist
Professor a.D. für Soziologie
an der Technischen Universität Berlin und Honorarprofessor für interkulturelle Kindheits- und Kinderrechtsforschung an der Fachhochschule Potsdam. Er gründete den weiterbildenden Masterstudiengang Childhood Studies and Children’s Rights an der Freien Universität Berlin und ist Schirmherr des gleichnamigen Studiengangs an der Fachhochschule Potsdam.
Von 2002 bis 2010 war er Koordinator des European Network of Masters in Children’s Rights (ENMCR). Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen in der internationalen Kinderrechtsforschung, der kritischen Kindheitsforschung sowie in den Bewegungen arbeitender Kinder, insbesondere in Lateinamerika, wo er über viele Jahre praxisnah tätig war.
Jüngste Veröffentlichungen:
- Unerhört. Kinder und Macht (2020)
- Decolonizing Childhoods (2020)
- Kritische Kinderrechtsforschung (2023)
- Adultismus. Die Macht der Erwachsenen über die Kinder (mit Philip Meade, 2023)
- Childhoods of the Global South (2023)
- Palästinensische Kindheit und Jugend (mit Doris Bühler-Niederberger 2025)